Trinität

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F.Borrominis Trinitarierkirche in Rom

Unweit des Präsidentenpalasts auf dem Quirinal in Rom, an einer Straßenkreuzung mit vier Brunnen, steht die Kirche San Carlo alle quattro fontane, von den Römern liebevoll San Carlino genannt. Dabei meinen sie wohl weniger den heiligen Karl Borromäus (1538-1584), dem die Kirche geweiht ist, als vielmehr die Tatsache, dass es sich um ein "Kirchlein" von bescheidener Grösse handelt; nach Aussagen der Stadtführer passt sie komplett in einen Vierungspfeiler des Petersdoms.

Architekt dieser Kirche war Francesco Borromini (1599-1667), der den Bau 1638-1641 neben einem Konvent im Auftrag des Trinitarierordens errichtet hat. Der Name dieses Ordens leitet sich von Trinitas - göttliche Einheit in der Dreifaltigkeit - her, und so wurde die Kirche neben dem hl. Karl Borromäus der hl. Dreifaltigkeit gewidmet. 

Borromini war ein genialer Baumeister und mathematischer Kopf mit viel Gespür für auflockernde, dynamische Strukturierung seiner Bauten, für Lichtwirkungen und voller Drang neue Ideen umzusetzen. Borromini war gelernter Bildhauer, als Architekt aber Autodidakt und nannte als seine Lehrer die Antike, die er als Grundlage betrachtet, Michelangelo, von dem er lernen will, und die Natur, welche er nachahmen will. Seine stolzen Worte "Chi segue altri non gli va mai innanzi" ("Wer anderen folgt, wird ihnen niemals voranschreiten"), ist in seinem Werken deutlich erkennbar. 

Im Kirchenraum von San Carlino hat er an mehreren Stellen durch Symbole auf die hl. Dreifaltigkeit/Dreieinigkeit verwiesen. Der einfache Weg der Imitation ist nicht Borrominis Art. Ausgestattet mit großer Willenskraft will er Neues schaffen. Es schien Borromini wohl der abstrakten Idee der Trinität unangemessen, die traditionelle, konkretisierende Ikonographie der hl. Dreifaltigkeit mit dem alten Mann als Gottvater, dem Gekreuzigten als Sohn und der Taube als Heiligem Geist zu wiederholen. Immerhin aber konnte Borromini bereits auf die Theologie eines Nicolaus Cusanus (1401-1464) zurückblicken, die sich mathematischer Metaphern bediente, und auf die Zahlenmystik des Mittelalters. In der oben abgebildeten Nische hat er die mittelalterliche theologische Formel von der Trinität geradezu in ein modernes Mengendiagramm übersetzt, das die logischen Beziehungen der scholastischen Aussage abbildet:  Der Vater ist Gott, der Sohn ist Gott und der Geist ist Gott. Aber der Vater ist nicht der Sohn, der Sohn ist nicht der Geist, und der Geist ist nicht der Vater. Damit ist sowohl die Identität von Vater, Sohn und Heiliger Geist hinsichtlich ihres Gottseins gewahrt, als auch die Verschiedenheit von Vater, Sohn und Heiliger Geist im Hinblick auf ihr Personsein.*

Die Kuppel von San Carlino hat Borromini als Parkett aus drei Formen ausgeführt: Kreuz, Achteck und Sechseck. Zweifelsohne sind diese Formen als Symbole zu sehen und ist das Kreuz dem Sohn zuzuordnen, Christus als dem am Kreuz Geopferten.

Das Achteck entspricht dem Symbolgehalt der Zahl 8 (Erneuerung, Wiedergeburt). Die Taufbecken der mittelalterlichen Kirchen haben achteckige Form. Mit der Taufe wiederum ist der Heilige Geist in Verbindung zu sehen: "Tut Buße und lasse sich ein jeglicher taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung der Sünden, so werdet ihr empfangen die Gabe des Heiligen Geistes." (Apostelgeschichte des Lukas 2,38+39) "Er aber wird euch mit dem Heiligen Geist taufen" (Mk 1,1-8) 

Das Sechseck soll wohl  den Vater und Schöpfer symbolisieren: Das Universum hat mit den vier Himmelsrichtungen und dem Oben und Unten sechs Richtungen, nach dem Schöpfungsbericht hat Gott es in sechs Tagen erschaffen.

*Bei genauerem Hinsehen stellt man fest, dass die drei Kreise ausgeführt sind als Darstellung der drei Borromäischen Ringe von denen je zwei beliebige unabhängig voneinander und daher trennbar sind. Als Dreierkombination sind sie jedoch infolge wechselseitiger jeweils zweifacher Unter- und Überschneidung miteinander verbunden und verschränkt als untrennbare Einheit - wie die drei göttlichen Personen. Jeder Einzelring dient dabei als Anker und Halt für die beiden anderen. Die Ringe haben ihrem Namen von ihrer Verwendung im Familienwappen des Hl. Karl Borromäus. Borromini  weist mit ihrer Darstellung sowohl auf die Heilige Dreieinigkeit als auch auf den von ihm besonders verehrten Kirchenpatron hin. In den Überdeckungsbereich der drei Ringe hat er die Sonne als Symbol des göttlichen Lichts gesetzt.

Formung der Kuppel

Aus der Ebene in den Raum, aus der Endlichkeit in die Unendlichkeit

Ein Parkett ist die lückenlose Ausfüllung der Ebene mit einer oder mehreren sich wiederholenden und wechselseitig ergänzenden Formen. Aus Kreuz und Achteck lässt sich durch eine Rotation um 180° und unendlich viele Verschiebungen in zwei zueinander senkrechten Richtungen die Ebene lückenlos bedecken. Das Sechseck entsteht hier ohne eigene Konstruktion als Ergänzungsfigur zu den beiden anderen. Ähnlich ließe sich auch mit Kreuz und Sechseck oder mit Sechseck und Achteck die Ebenenfüllung bewirken. Die jeweils restliche Figur ergibt sich als notwendiges Komplement.

Das bisher vorliegende Parkett ist begrenzt. Eine Aufhebung der Begrenztheit (und damit eine bessere Annäherung an die Vorstellung von der Unendlichkeit Gottes) erreichte Borromini, indem er das bandförmige Parkett zu einem Ring (Zylindermantel) schloss. Lässt man die Augen auf ihm in einem horizontalen Schnitt rundumwandern, stößt man auf keine Grenzen mehr. Überall und nirgends sind Anfang und Ende.

Bei der vorangegangenen Tranformation ist allerdings die Begrenztheit in der Vertikalen erhalten geblieben. Um auch diese aufzuheben dachte sich Borromini den Parkettring in der Vertikalen als unendlich ausgedehnt und dann auf die Oberfläche einer Halbkugel projiziert. Die unendliche Dehnung erfolgt jedoch nicht kontinuierlich sondern in zunehmender Höhe mit zunehmendem Faktor, so dass die gedehnten Figuren in unendlicher Höhe unendliche Größe annehmen. Die Projektion erfolgt nach folgender Vorschrift: Verbinde jeden Punkt des zylindrischen Parketts mit dem Mittelpunkt der Halbkugel durch eine Strecke. Wo diese Strecke die Halbkugel durchstößt, ist der Bildpunkt.

Ein aus unendlicher Höhe auf die Halbkugel projizierte Teilring des Parketts würde dabei aber auf einen einzigen Punkt abgebildet, den Scheitelpunkt der Halbkugel. Hier würden die drei Formen Kreuz, Achteck und Sechseck zu einem Punkt vereint, das Glaubensgeheimnis von der Einheit Gottes in drei Personen wäre angemessen repräsentiert. Das Ausgedehnte und das Nichtausgedehnte (Punkt) fallen zusammen - das ist die Cusanische Idee vom Zusammentreffen der Gegensätze im Unendlichen, der coincidentia oppositorum als Ort und Wesensmerkmal Gottes.

Gleichzeitig erzeugt Borromini mit diesem Vorgehen eine optische Illusion, da dem Betrachter die Kuppel höher vorkommt als sie tatsächlich ist,

Kompromisse

In der Ausführung musste Borromini allerdings notwendig an die Grenzen des mit handwerklichen Mitteln Realisierbaren stoßen: Die in der Nähe des Scheitelpunkts der Kuppel immer kleiner werdenden Formen wären nicht mehr sauber gestaltbar. Zudem sollte die Kuppel von oben beleuchtet werden durch eine aufgesetzte Laterne (Turm mit Fenstern). Auf den Punkt der Vereinigung würde man dann gegen das Licht blicken - ebenfalls eine schöne Metapher, sieht doch z.B. die Kabbala in Gott das Licht, das ihn verbirgt und das seine Unerkennbarkeit bedingt. Also beschränkte Borromini die Zahl der auf die Kuppel projizierten Ringe auf die vier unteren. Aber nach der Vorstellung der Pythagoräer entsteht ja aus den ersten vier Zahlen die Gesamtheit der Zahlen und ihre unendliche Abfolge!

Auch jetzt musste Borromini nochmals einen Kompromiss mit Anforderungen aus der Realität eingehen: Für San Carlino stand nur ein sehr begrenzter, länglicher Baugrund zur Verfügung. Folglich musste der Architekt die Halbkugel in einer Richtung zusammendrücken, so dass sie länglich zum Halbellipsoid verformt wurde. Borromini, der mit Zirkel und Lineal konstruierte, näherte eine ovale Form aus tangential ineinander übergehenden Kreisbogenabschnitten an. Auf die Öffnung der Kuppel setzte er eine überdachte ovale Mauer mit großen Fenstern - eine sogenannte Laterne. An der Decke brachte er ein goldenes gleichseitiges Dreieck an, ein weiteres Symbol der Trinität. Das Bild des göttlichen Dreiecks vereint sich mit dem hereinflutenden Licht. 


Dem Kirchenbesucher, der von unten in die Kuppel blickt, strömt aus der Mitte der Kuppel eine Flut ihn blendenden Lichts entgegen, wird doch der Kirchenraum, von dem nur die Frontseite eine Außenwand besitzt, im wesentlichen von oben beleuchtet. So wird dem Ort an dem sich die Gegensätze vereinen, dem Ort Gottes, das Licht als ein wesentliches Attribut Gottes zugewiesen. In zahlreichen Bibelstellen wird auf die Bedeutung des göttlichen Lichts hingewiesen:"Da redete Jesus abermals zu ihnen und sprach: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben." (Joh 8, 12)  "Gott ist Licht und in ihm ist keine Finsternis!" (1. Joh 1,5) "Gott hat allein Unsterblichkeit. Er wohnt in einem Licht, zu dem niemand kommen kann. Kein Mensch hat das jemals gesehen und kann es auch nicht sehen!"  (1. Tim 6,16) "Gott ist das Licht." (Psalm 27)

Sie wollen mehr über den Symbolgehalt des christlichen Kreuzes wissen? Sie können hier auf ein pdf-Dokument "Das Kreuz - Botschaften eines Symbols" zugreifen (download): https://raw.githubusercontent.com/rolfmonnerjahn/Kreuz_Symbol/main/Kreuz_Symbol.pdf

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