
Chartres
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Das Labyrinth von Chartres, Mandala der christlichen Mystik
Wer die Kathedrale von Chartres, die nach dem Stadtbrand von 1198 errichtet wurde, entworfen hat, wissen wir nicht. Gleich ob es ein leitender Baumeister war oder ein Kollektiv, was geschaffen wurde ist kunsthistorisch bedeutend und die dem Entwurf zugrundeliegenden Ideen stammten aus dem Umfeld der Schule von Chartres, die im 12. Jahrhundert eine der ersten Adressen in Sachen Gelehrsamkeit war. Die Lehrer der Domschule empfanden sich als Platoniker und Pythagoräer, d. h. sie betrachteten die Zahl als die Essenz von allem, was geschaffen wurde und geschaffen werden sollte. Der Grundriss der Kathedrale wurde allein aus der Vierung des Vorgängerbaus abgeleitet, so wie alle Vielheit aus der Einheit entsteht und wie nach der Vorstellung des Pythagoras alle Zahlen aus den ersten vier sich bilden: Längen des Kirchenschiffs und des Querschiffs, Maße der Joche, Ausdehnung und Lage des Labyrinths, Größe und Höhe der westlichen Rose über dem Boden übernehmen Maße aus der Vierung...
Aus diesem Geist entstand auch das Design des Labyrinths, das im selben Abstand von der Vierung angeordnet ist wie der Chorabschluss mit dem Hauptaltar. Die Wegführung des Labyrinths ist mit einer Vielzahl signifikanter Zahlenbezüge ausgestattet, die sich aus seinen Proportionen und der relativen Lage der Wendepunkte seines verschlungenen Weges zum Zentrum ergeben. Eine Planzeichnung zu dem Labyrinth existiert als Illustration in einer 1072 in Silos/Spanien erstellten Abschrift der Sammlung antiken Wissens des Isidor, Bischof von Sevilla (560-636; Etymologiarum sive originum libri XX) wo er sich über die Theseussage und Labyrinthe äußert. Die Illustration findet sich in keiner Vorgängerausgabe von Isidors Werk und hat auch keine bekannten Vorbilder, wurde also zu diesem Zeitpunkt eingefügt. Sie muss den Planern der Kathedrale als einzigartig aufgefallen sein.
Ich habe vier Thesen zur Bedeutung des Labyrinths.

Das Labyrinth steht für leibliche Geburt, Lebensweg und Geburt der Seele in Gott
Das Labyrinth stellt den Weg des Lebens dar, den Weg von der Empfängnis bis zur Geburt, den Weg von der Geburt aus dem Mutterleib bis zur Geburt ins ewige Leben, den Weg der gottsuchenden Seele bis zu ihrer Geburt in der mystischen Vereinigung mit Gott. Der Weg zum Zentrum besteht aus 273 hellen Steinplatten. Die Zahl 273 steht in etwa für die Anzahl der Tage zwischen Empfängnis und Geburt (Fest der Verkündigung des Herrn 25. März bis Fest der Geburt Christi 25. Dezember: 275 Tage). Das Labyrinth ist die sowohl symbolische als auch in der realen Gestalt konkretisierte Herausforderung, Gott im Inneren zu suchen. "Geh nicht hinaus, [sondern] kehre in dich selbst zurück, denn im inneren Menschen liegt die Wahrheit". ( Aurelius Augustinus, De vera religione 39, 72). Das Kreuz als immaterielles Symbol, das nur durch die Zwischenräume zwischen Paaren von Wegkehren entgegengesetzter Bewegungsrichtung definiert ist, bringt den Pilger immer wieder zur Umkehr: "Μετανοεῖτε! Kehrt [euren Geist] um! Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe !" ( Predigten von Johannes dem Täufer und Jesus, Matthäus 3, 2; 4, 17).

Das Labyrinth spielt an auf die antiken Sagen von Theseus und Odysseus
Das Labyrinth wird von seinem Erbauer mit antiken Heldensagen in Verbindung gebracht: Theseus und der Minotaurus (Theseus wird hier durch Christus als Befreier ersetzt), Odysseus und seine Irrfahrt von Troja nach Ithaka, seiner Heimat. Wie Odysseus seiner Heimat, nähert sich derjenige, der das Labyrinth durchläuft, zweimal schnell dem Zugang ins Zentrum 36, nämlich an den Wendepunkten mit den Ordnungszahlen 5 und 14, um dann zu den dem Zentrum abliegenden Wegbögen weit hinausgewiesen zu werden - so wie Odysseus bei der Annäherung an Ithaka von Gegenwinden weit hinaus auf das Mittelmeer getrieben wird. Erst bei der Ordnungszahl 36, einer numerologischen Metapher für Gott (Eloah Hebräisch הלא), erreicht der Pilger das Zentrum des Labyrinths.

Das Erreichen der Mitte des Labyrinths symbolisiert die erlösende Vereinigung mit Christus
Der Architekt hat die Westrose in Beziehung zum Labyrinth gesetzt. "Genau dort, wo auf dem Boden der Kathedrale das Labyrinth ist, befindet sich im Aufriss die große Fensterrose des West- bzw. Hauptportals in gleicher Größe." (Magdalena Lang, Die Zeichenkünste der mittelalterlichen Baumeister, S.76) Der Abstand vom Mittelpunkt des Labyrinths zum Sockel der Westfassade ist gleich dem Abstand von diesem Sockel zum Mittelpunkt der Westrose. Der Christus im Zentrum der Westrose ist der seine Wundmale zeigende Auferstandene, der den Tod besiegt hat und das ewige Leben verspricht. Seine Gloriole ist grün, und er ist umgeben von einem kreisförmigen Ornament mit Lebensbaumsymbolen. Ich bin der Meinung, dass das Herz des Labyrinths keine Blume darstellt, sondern ein gotisches Fenster mit sechsteiligem Maßwerk (Sechspass), in dem die Begegnung mit dem göttlichen Licht stattfindet. Schließlich sind die gotischen Kathedralen Tempel des Gotteslichts. In der Heraldik gibt es keine Darstellungen von Blumen, insbesondere von Rosen mit sechs Blütenblättern, sondern immer nur mit fünf. Die Sechs ist eine Zahl, die eng mit Gott verbunden ist (Schöpfungstage). Die Sechs ist die Zahl des Sterns Davids, des Ahns Christi. Die Sechsteilung ist auch in der Geometrie des Christusmonogramms ☧ vorgegeben.

Das Labyrinth ist nach einer Zahlensymbolik aufgebaut die mannigfaltige Anspielungen auf Bibelstellen enthält
Die Anordnung der Windungen des Labyrinthweges und damit die Ordnungszahlen seiner Kurven wurden von seinem Erbauer bewusst und sehr überlegt gewählt, sodass im Gegensatz zu den ähnlichen Labyrinthen der Kathedralen von
Sens (früher als Chartres) und Reims numerologisch bedeutsame Zahlenanordnungen im biblischen/religiösen Kontext in deren Verknüpfungen erscheinen. Besonders
auffällig ist, dass acht Paare von Ordinalzahlen, die sich auf dem vertikalen Balken des Kreuzes gegenüberstehen, die Differenz 7 repräsentieren, und dass sich ausgerechnet die 56. Zinne der zinnenbewehrten Mauer, die das Labyrinth umgibt, genau über dem vertikalen Balken des Kreuzes befindet ( 56 = 8 x 7) . Die Gesamtzahl der Zinnen beträgt 114 = 6 x 19, wodurch die 19 in das Symbol des Labyrinths eingeführt wird. Der 19. Buchstabe des hebräischen Alphabets, das Qoph, trägt die bildhafte Bedeutung von "Nadelöhr". Der Designer bezieht sich damit auf das Wort Jesu: "Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes kommt" (Markus 10,25) und lenkt die Aufmerksamkeit des Labyrinth-Pilgers auf die Schwierigkeit, Gott zu erreichen und auf die Notwendigkeit Askese zu üben.
Für den Menschen des Mittelalters zur Zeit des Baus der Kathedralen, war die Zahl ein Werkzeug zur Erkenntnis und zur Herstellung der von Gott gewollten Ordnung. Für uns moderne Menschen in der technisierten Welt ist die Zahl eher ein Werkzeug zur Analyse und Steuerung von Prozessen geworden. Interessant ist jedoch, dass im Bereich der Teilchenphysik, wo es darum geht, zu wissen, "was die Welt im Innersten zusammenhält", die Zahl ein Werkzeug bleibt, um die verborgene Ordnung zu erkennen.
Das Labyrinth ist sowohl ein Symbol für Christus als auch für seine Nachfolge: Johannes 14,6 - "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich". Matthäus 7,14 - "Aber die Pforte, die zum Leben führt, ist eng, und der Weg, der zu ihr führt, ist schmal, und nur wenige finden ihn...".
Insgesamt ist die Kathedrale von Chartres eine Verkündigung des Evangeliums in Stein, Glas, Licht und Zahl. In ihrem Labyrinth verliert man sich nicht sondern findet zu sich selbst.

Der Klang des Labyrinths
Der Kathedrale von Chartres war eine Domschule angegliedert, man kann sie als Vorläuferin einer Universität betrachten. Die Schule von Chartres fühlte sich der platonischen Philosophie verpflichtet, die wiederum mit der pythagoräischen verbunden war. In ihr wurde die Potenz der Mathematik besonders hochgeschätzt. Platon hielt im Dialog "Timaios" (ca. 360 v.Chr.) fest: "Wenn Vernunft und richtige Vorstellung zwei verschiedene Arten sind, dann muss es schlechterdings jene für sich bestehenden Wesenheiten geben, die von uns nicht wahrgenommen sondern nur erkannt werden." Das über die Wahrnehmung hinausgehende und die Vorstellung stützende Denken hat als mächtiges Werkzeug die Mathematik. "Wenn unser Denken sich erhebend zu den Göttern strebt, so ist die erste nichtmaterielle Stufe, die es betritt, die Welt der Zahlen."[Macrobius, neuplatonischer Philosoph 370-430] Für Pythagoras (570 – 510 v.Chr.) war "Zahl" der Urstoff, aus dem alles entstanden ist. Pythagoras wird der Satz zugeschrieben: "Der Bau der Welt beruht auf der Kraft der Zahlen." Da für ihn die Musik auf dem Längenverhältnis von Saiten beruhte, bzw. auf den damit verbundenen Frequenzverhälnissen, war auch die Musik Mathematik und damit ebenfalls Urstoff.
Ist nicht das Labyrinth selbst auch in Stein geschriebene Musik, repräsentieren nicht die 12 Schritte über die Bahnen vom Rand bis zur Mitte die 12 Halbtonschritte der chromatischen Tonleiter? Ich habe versucht, nach einfachen Regeln dem Labyrinth von Chartres eine Komposition zuzuordnen. Regel 1: Die 11 Umläufe entsprechen von außen nach innen der Tonfolge c, cis, d, dis, e, f, fis, g, gis, a, ais. Das Zentrum enthält einen Kreisring und einen Kreis. Dem Kreisring mit den Sechspassbögen entspricht der Ton h, dem Innenkreis die Oktave zu c. Die Melodie ergibt sich aus der Folge der betretenen, bzw. gequerten Umläufe. Somit werden dem Weg durch das Labyrinth 11 Töne zugeordnet, der Mitte zwei weitere. Das Labyrinth repräsentiert somit die 12 Halbtonschritte einer Oktav. Regel 2: Die Dauer des Tons ergibt sich aus der Länge der Bogenstücke - Viertelnote bei Viertelbögen, Halbnote bei Halbbögen, Sechzehntelnote bei lediglich kurz gequerten Kreislinien. Regel 3: Die Begleitakkorde ergeben sich daraus, ob jeweils eine Annäherung zur oder eine Entfernung von der Mitte erfolgt: wohlklingende Akkorde bei Annäherung, Dissonanzen bei Entfernung.
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"Gott ist nicht etwas Unvernünftiges, sondern allenfalls Geheimnis. Das Geheimnis wiederum ist nicht irrational, sondern Überfülle an Sinn, an Bedeutung, an Wahrheit. Wenn der Vernunft das Geheimnis dunkel erscheint, dann nicht, weil es im Geheimnis kein Licht gibt, sondern weil es vielmehr zu viel davon gibt." Benedikt XVI, Generalaudienz 21.11.2012

